Loslassen ist auch Unternehmertum

Was bedeutet es, ein Unternehmen über Jahrzehnte zu prägen und es schließlich loszulassen? In „Wir sind Unternehmer, keine Unterlasser“ erzählt Michael Lindner gemeinsam mit seiner Frau und seinen vier Kindern von Verantwortung, Erwartung, Konflikten und dem bewussten Schritt in den Generationenwechsel. Ein persönlicher Einblick in die unternehmerische Seite von Familie und die familiäre Seite von Unternehmertum.

Michael Lindner über Nachfolge, Verantwortung und Familie

Was bedeutet es, ein Unternehmen über Jahrzehnte zu prägen und es schließlich loszulassen? In „Wir sind Unternehmer, keine Unterlasser“ erzählt Michael Lindner gemeinsam mit seiner Frau und seinen vier Kindern von Verantwortung, Erwartung, Konflikten und dem bewussten Schritt in den Generationenwechsel. Ein persönlicher Einblick in die unternehmerische Seite von Familie und die familiäre Seite von Unternehmertum.

Unternehmertum als Familiengeschichte

Michael Lindners Buch ist keine klassische Managementlektüre und kein systematisches Handbuch zur Unternehmensnachfolge. Es ist eine persönliche Erzählung – und gerade darin liegt seine Stärke. Neben Lindner selbst kommen auch seine Frau und seine vier Kinder zu Wort. Sie schildern ihre eigenen Perspektiven auf ein Leben im und mit dem Familienunternehmen.

So entsteht kein einseitiger Erfolgsbericht, sondern ein vielschichtiges Bild: vom Aufwachsen in einem Elternhaus, das unternehmerische Verantwortung und Familie gleichermaßen prägte, von Erwartungen und Freiräumen, von Nähe und Distanz zwischen Familie und Firma. Das Unternehmen Börlind bildet dabei den Rahmen. Im Mittelpunkt steht jedoch die Frage, wie sich Unternehmertum über Generationen hinweg erlebt.

Gerade diese Mehrstimmigkeit verleiht dem Buch Tiefe. Es eröffnet Einblicke, die über betriebswirtschaftliche Fragen hinausgehen – und macht nachvollziehbar, wie sehr unternehmerische Entscheidungen familiäre Wirklichkeit prägen. Um diese Perspektive einordnen zu können, lohnt sich auch ein Blick auf die Geschichte des Unternehmens selbst.

Unternehmertum im historischen Kontext

Die Geschichte von Börlind beginnt lange vor Michael Lindners eigener Unternehmerlaufbahn. Sie ist eng mit den Erfahrungen seiner Eltern verbunden, die das Unternehmen zunächst in Ostdeutschland gründeten und nach der Flucht der Familie in den Westen neu aufbauen mussten. Diese frühen Brüche prägen die Familiengeschichte ebenso wie das unternehmerische Selbstverständnis, das später an die nächste Generation weitergegeben wurde.

Besonders prägend für diese Entwicklung war Lindners Mutter Annemarie Lindner, die das Unternehmen in Deutschland bekannt machte und deren unternehmerische Maßstäbe auch für ihren Sohn eine wichtige Orientierung darstellten.

Aus kleinen Anfängen entwickelte sich über die Jahrzehnte ein international tätiges Naturkosmetikunternehmen. Doch im Buch steht weniger die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte im Vordergrund als die Frage, wie unternehmerische Verantwortung über Generationen hinweg weitergegeben wird – und welche persönlichen Erfahrungen sie formt.

So wird deutlich: Unternehmertum ist in dieser Familie nicht nur eine berufliche Rolle, sondern Teil der eigenen Biografie. Umso bedeutender wird die Frage, wie diese Verantwortung schließlich an die nächste Generation übergehen kann.

Nachfolge als persönliche Herausforderung

Im Laufe des Buches rückt zunehmend eine Frage in den Mittelpunkt, die viele Unternehmerfamilien beschäftigt: Wie gelingt es, Verantwortung weiterzugeben – und gleichzeitig loszulassen?

Lindner beschreibt diesen Schritt nicht als rein organisatorische oder rechtliche Entscheidung. Nachfolge erscheint vielmehr als persönlicher Prozess, der Zeit braucht und nicht selten von Ambivalenzen begleitet wird. Für Unternehmer bedeutet Übergabe immer auch, ein Stück der eigenen Lebensleistung aus der Hand zu geben. Nach Jahrzehnten an der Spitze des Unternehmens übergab Lindner die Verantwortung schließlich im Jahr 2020 an seine Kinder Nicolas und Alicia.

Gerade hier entfaltet das Buch seine besondere Stärke. Die verschiedenen Stimmen innerhalb der Familie machen sichtbar, dass Nachfolge nie nur aus der Perspektive des übergebenden Unternehmers verstanden werden kann. Auch für die nächste Generation bedeutet sie Erwartung, Verantwortung und die Herausforderung, eine eigene Rolle zu finden.

So entsteht ein differenziertes Bild des Generationenwechsels: als Phase des Übergangs, in der unternehmerische Kontinuität und persönliche Entwicklung gleichermaßen ihren Platz finden müssen. Gerade darin liegt auch die Relevanz des Buches für viele Unternehmerfamilien.

Was Unternehmerfamilien für die Unternehmensnachfolge aus dem Buch mitnehmen können

Für Unternehmerfamilien liegt der besondere Wert des Buches in seiner Perspektive auf Verantwortung über Generationen hinweg. Lindners persönliche Schilderungen machen deutlich, dass Nachfolge kein einmaliger Akt ist, sondern ein langfristiger Prozess, der weit über formale Übergaberegelungen hinausgeht.

Dabei wird auch sichtbar, wie eng unternehmerische und familiäre Dynamiken miteinander verbunden sind. Erwartungen, Rollenbilder und persönliche Beziehungen beeinflussen Entscheidungen oft ebenso stark wie wirtschaftliche Überlegungen.

Das Buch erinnert damit an eine zentrale Herausforderung vieler Familienunternehmen: die Balance zwischen unternehmerischer Kontinuität und individueller Entwicklung zu finden. Nachfolge gelingt nicht allein durch Planung, sondern auch durch Vertrauen, Kommunikation und die Bereitschaft, Verantwortung schrittweise weiterzugeben.

Gerade diese persönliche Perspektive macht Lindners Buch zu einer anregenden Lektüre für Unternehmer und Nachfolger gleichermaßen – und bietet Anlass, die eigene Rolle im Generationenwechsel zu reflektieren.

Fazit

„Wir sind Unternehmer, keine Unterlasser“ ist kein Lehrbuch über Unternehmensnachfolge. Michael Lindner erzählt vielmehr eine persönliche Geschichte über Verantwortung, Unternehmertum und Familie. Gerade die unterschiedlichen Perspektiven innerhalb der Familie verleihen dem Buch eine besondere Authentizität.

Dabei wird deutlich, dass Nachfolge weit mehr ist als eine organisatorische Übergabe. Sie ist ein Prozess, der unternehmerische Entscheidungen ebenso umfasst wie persönliche Beziehungen und individuelle Lebenswege.

Für Leser aus Unternehmerfamilien bietet das Buch deshalb weniger konkrete Handlungsempfehlungen als vielmehr Denkanstöße. Es lädt dazu ein, die eigene Rolle im Generationenwechsel zu reflektieren – und erinnert daran, dass auch das Loslassen Teil unternehmerischer Verantwortung ist.

Buchinformation

Michael Lindner: Wir sind Unternehmer, keine Unterlasser
Eine Generationengeschichte in 12 Kapiteln
Stieglitz Verlag, Nov 2025
Hardcover, 326 Seiten

Persönliche Unternehmergeschichte über Verantwortung, Familienunternehmen und den Generationenwechsel am Beispiel des Naturkosmetikunternehmens Börlind.

Zum Buch

Über den Autor

Michael Lindner, geboren 1949 in Leipzig, stieg 1978 in das Familienunternehmen Börlind ein und führte NATURKOSMETIK BÖRLIND über Jahrzehnte hinweg. Nach verschiedenen Führungsstationen wurde er 1996 alleiniger Geschäftsführer und 2003 Alleininhaber. 2020 übergab er das Unternehmen an seine Kinder Nicolas und Alicia Lindner.

Heute ist Lindner weiterhin im Beirat von Börlind aktiv und engagiert sich über den Michael-Lindner-Förderverein für soziale Projekte. Er lebt mit seiner Frau Daniela in Stuttgart.

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