Klimaschutz versus Marktwirtschaft

WIE LAS­SEN SICH ÖKO­NO­MI­SCHE IN­TER­ES­SEN MIT DEN KLI­MA­ZIE­LEN VER­EIN­BA­REN? EINE FRA­GE, DIE MIT DER AK­TU­EL­LEN WIRT­SCHAFTS­KRI­SE NEUE BRI­SANZ ER­HÄLT UND AUF DIE FA­MI­LI­EN­UN­TER­NEH­MER GANZ UN­TER­SCHIED­LI­CHE ANT­WOR­TEN HA­BEN. DR. KARL TACK, VER­TRE­TER DER SIEB­TEN GE­NE­RA­TI­ON DES FA­MI­LI­EN­UN­TER­NEH­MENS GE­BRÜ­DER RHO­DI­US, UND MI­CHA­EL HET­ZER, SPRE­CHER DER GE­SCHÄFTS­FÜH­RUNG VON ELO­BAU, ÜBER KLI­MA­PO­LI­TI­SCHE IRR­WE­GE UND NEUE CHAN­CEN.* Nehmen Sie die … Weiterlesen

WIE LAS­SEN SICH ÖKO­NO­MI­SCHE IN­TER­ES­SEN MIT DEN KLI­MA­ZIE­LEN VER­EIN­BA­REN? EINE FRA­GE, DIE MIT DER AK­TU­EL­LEN WIRT­SCHAFTS­KRI­SE NEUE BRI­SANZ ER­HÄLT UND AUF DIE FA­MI­LI­EN­UN­TER­NEH­MER GANZ UN­TER­SCHIED­LI­CHE ANT­WOR­TEN HA­BEN. DR. KARL TACK, VER­TRE­TER DER SIEB­TEN GE­NE­RA­TI­ON DES FA­MI­LI­EN­UN­TER­NEH­MENS GE­BRÜ­DER RHO­DI­US, UND MI­CHA­EL HET­ZER, SPRE­CHER DER GE­SCHÄFTS­FÜH­RUNG VON ELO­BAU, ÜBER KLI­MA­PO­LI­TI­SCHE IRR­WE­GE UND NEUE CHAN­CEN.*

Nehmen Sie die deutsche Klimapolitik als Chance oder Gefahr für die Familienunternehmen wahr?

KARL TACK: Un­ser wich­tigs­tes An­lie­gen als Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mer ist es, un­ser Un­ter­neh­men und so­mit das oft­mals über Ge­ne­ra­tio­nen er­ar­bei­te­te Ver­mö­gen in die Hän­de un­se­rer Nach­kom­men zu le­gen. Das kann nur ge­lin­gen, wenn auch die Um­welt und die Ge­sell­schaft in­takt blei­ben. Des­halb sind Kli­ma­schutz und Nach­hal­tig­keit un­ver­zicht­ba­rer und in­te­gra­ler Be­stand­teil un­se­res täg­li­chen Wirt­schaf­tens. Wir müs­sen Kli­ma­schutz als Chan­ce be­grei­fen, auch wenn die Aus­ge­stal­tung durch die Po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung er­heb­li­che
Ri­si­ken ge­ra­de für Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men birgt.
MICHAEL HETZER: Ich sehe die Kli­ma­po­li­tik auf je­den Fall als Chan­ce. Wo­bei ich mir wün­sche, dass das The­ma Kli­ma­schutz noch am­bi­tio­nier­ter an­ge­gan­gen wird. Wir er­rei­chen zu we­nig, ge­mes­sen an dem, was nö­tig wäre, da­mit wir nicht in ei­ni­gen Jahr­zehn­ten in eine gro­ße Ka­ta­stro­phe hin­ein­lau­fen.

Beim Klimaschutz erreichen wir zu wenig, gemessen an dem, was nötig wäre.

Mi­cha­el Het­zer

Inwieweit lassen sich die von der Bundesregierung angestrebten Klimaziele mit den Prinzipien der Marktwirtschaft in Einklang bringen?

TACK: Die von der Bun­des­re­gie­rung an­ge­streb­ten und auf der Kli­ma­schutz­kon­fe­renz 2015 in Pa­ris noch­mals be­kräf­tig­ten Kli­ma­zie­le las­sen sich mit den Prin­zi­pi­en der Markt­wirt­schaft grund­sätz­lich in Ein­klang brin­gen. Die von der Bun­des­re­gie­rung ak­tu­ell und in der Ver­gan­gen­heit ge­wähl­ten In­stru­men­te sind al­ler­dings über­wie­gend plan­wirt­schaft­li­cher Na­tur. So wer­den be­stimm­te Bran­chen mit Mil­li­ar­den an Sub­ven­tio­nen über­flu­tet, wäh­rend die in­dus­tri­el­len Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men bei­spiels­wei­se durch die EEG-Um­la­ge die Las­ten tra­gen und so im glo­ba­len Wett­be­werb zu­rück­ge­wor­fen wer­den.
HETZER: Schon in der Schu­le und an den Uni­ver­si­tä­ten wird der Ein­druck ver­mit­telt, dass Nach­hal­tig­keit auf Kos­ten der Pro­fi­ta­bi­li­tät geht. Das fin­de ich sehr be­fremd­lich. Wenn es uns nicht ge­lingt, bei­des in Ein­klang zu brin­gen, wer­den wir mas­si­ve Pro­ble­me be­kom­men. Dar­an be­steht kein Zwei­fel. Alle En­er­gie­ef­fi­zi­enz- und CO2-Spar­maß­nah­men, die wir bei Elo­bau in den ver­gan­ge­nen Jah­ren er­grif­fen ha­ben, hat­ten im­mer auch eine be­triebs­wirt­schaft­li­che Kom­po­nen­te und ha­ben sich lang­fris­tig aus­ge­zahlt. Wir pro­du­zie­ren seit zehn Jah­ren kli­ma­neu­tral – und das sehr er­folg­reich.

Wir müssen uns fragen, mit welchen Technologien wir die größten CO2-Einsparungseffekte erzielen können.

Karl Tack

Wie könnte eine Klimapolitik aussehen, bei der Aufwand und Ertrag ausgewogen sind?

TACK: Den Kli­ma­wan­del auf­zu­hal­ten oder zu­min­dest zu ver­lang­sa­men ist eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen die­ses Jahr­hun­derts und er­for­dert enor­me fi­nan­zi­el­le An­stren­gun­gen. Wir müs­sen uns fra­gen, mit wel­chen Tech­no­lo­gi­en wir die größ­ten CO2-Ein­spa­rungs­ef­fek­te er­zie­len kön­nen: Was kos­tet die Ein­spa­rung ei­ner Ton­ne CO2 durch Pho­to­vol­ta­ik, Wind­ener­gie, Was­ser­kraft, Was­ser­stoff, Geo­ther­mie oder auch Bio­gas­an­la­gen? Der Wett­be­werb ver­schie­de­ner Tech­no­lo­gi­en un­ter­ein­an­der wird zur Her­aus­bil­dung
des güns­tigs­ten Prei­ses füh­ren – und nicht eine wie auch im­mer ge­ar­te­te ideo­lo­gi­sche Vor­ein­stel­lung.
HETZER: Je­der Haus­halt zahlt ei­nen in­di­vi­du­el­len Preis für die Ent­sor­gung sei­nes Mülls. Beim CO2-Aus­stoß zahlt die­sen Preis die Ge­mein­schaft. Die Ge­mein­woh­löko­no­mie for­dert, dass je­des Un­ter­neh­men eine Ge­mein­wohl­bi­lanz er­stellt. Nach die­ser Bi­lanz wird die steu­er­li­che Be­las­tung fest­ge­legt. Wenn alle ei­nen An­reiz hät­ten, sich dar­über Ge­dan­ken zu ma­chen, wie sie CO2 ein­spa­ren könn­ten, müss­te der Staat we­ni­ger Mit­tel für die För­de­rung er­neu­er­ba­rer En­er­gi­en auf­wen­den und die Treib­haus­gas­emis­sio­nen lie­ßen sich re­la­tiv schnell  maß­geb­lich re­du­zie­ren. Eine CO2-Be­steue­rung wür­de si­cher­lich auch dazu füh­ren, dass ver­al­te­te CO2-in­ten­si­ve Tech­no­lo­gi­en, die heu­te noch künst­lich er­hal­ten wer­den, vom Markt ver­schwin­den.

Welchen Beitrag können Familienunternehmen zum Klimaschutz leisten?

TACK: Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men leis­ten be­reits heu­te ei­nen enor­men Bei­trag zum Kli­ma­schutz und zwar durch drei Maß­nah­men: Ers­tens durch CO2-Ver­mei­dung, in­dem sie zum Bei­spiel ganz oder über­wie­gend Ökostrom be­zie­hen oder auch selbst auf Ei­gen­strom­er­zeu­gung aus re­ge­ne­ra­ti­ven En­er­gi­en set­zen. Zwei­tens durch CO2-Ver­rin­ge­rung: Der CO2-Aus­stoß kann durch In­ves­ti­tio­nen in nach­hal­ti­ge Pro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gi­en und durch kon­trol­lier­te En­er­gie­ef­fi­zi­enz­maß­nah­men Jahr für Jahr um bis zu 2 Pro­zent ver­rin­gert wer­den. Drit­tens durch Kom­pen­sa­ti­on: Eine wei­te­re und auch un­ver­meid­ba­re Maß­nah­me ist eine CO2-Kom­pen­sa­ti­on durch In­ves­ti­tio­nen in zer­ti­fi­zier­te Kli­ma­schutz­pro­jek­te. CO2 wird also dort ein­ge­spart, wo es am güns­tigs­ten ist, so­dass mit den knap­pen fi­nan­zi­el­len Mit­teln der ma­xi­ma­le Ef­fekt er­zielt wer­den kann.
HETZER: Ei­nen sehr gro­ßen Bei­trag. Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men sind in ih­rer Denk­wei­se län­ger­fris­tig aus­ge­rich­tet und da­her eher be­reit, In­ves­ti­tio­nen zu tä­ti­gen, die sich nicht in­ner­halb von zwölf Mo­na­ten be­zahlt ma­chen. Aber auch bör­sen­no­tier­te Ge­sell­schaf­ten könn­ten ei­nen wich­ti­gen Bei­trag leis­ten. Da­für müss­te sich al­ler­dings die auf kurz­fris­ti­ge Ge­win­ne aus­ge­rich­te­te Denk­wei­se än­dern.

Welche Instrumente sind aus Ihrer Sicht am besten geeignet, um die gesetzten Klimaziele zu erreichen?

TACK: Das ak­tu­ell er­folg­reichs­te und vor al­lem auch markt­wirt­schaft­lich or­ga­ni­sier­te In­stru­ment ist der eu­ro­päi­sche Emis­si­ons­han­del. Seit Be­ginn des „Eu­ro­pean Uni­on Emis­si­ons Tra­ding Sys­tem“ (EU ETS) im Jahr 2005 konn­ten die CO2-Emis­sio­nen eu­ro­pa­weit um 29 Pro­zent ge­senkt wer­den, wäh­rend sie in Deutsch­land trotz der Sub­ven­tio­nen für er­neu­er­ba­re En­er­gi­en in Höhe von 25 Mrd. Euro jähr­lich nur um 18 Pro­zent ge­sun­ken sind. Na­tio­na­le In­stru­men­te wie zum Bei­spiel das EEG sind nicht nur in­ef­fek­tiv, son­dern so­gar  kon­tra­pro­duk­tiv. Eine zu­sätz­li­che CO2-Be­prei­sung wäre nicht er­for­der­lich, wenn alle Sek­to­ren, also auch der Ver­kehr, die Land­wirt­schaft und die Ge­bäu­de in den Emis­si­ons­han­del ein­be­zo­gen wür­den. Auch der mit Steu­er­gel­dern hoch­sub­ven­tio­nier­te Koh­le­aus­stieg wäre ver­meid­bar ge­we­sen, da sich die Koh­le­kraft­wer­ke über ei­nen Emis­si­ons­han­del von al­lein aus dem Markt be­wegt hät­ten. Das Ver­trau­en in den Markt wäre ziel­füh­ren­der ge­we­sen, als auf po­li­tisch mo­ti­vier­te fau­le Kom­pro­mis­se zu set­zen.
HETZER: Wie ge­sagt, ich plä­die­re für die Be­steue­rung von CO2-Emis­sio­nen. Den Emis­si­ons­han­del sehe ich da­ge­gen eher kri­tisch. Ich är­ge­re mich dar­über, wenn Un­ter­neh­men, de­ren Pro­duk­te ich kau­fe, weil sie CO2-neu­tral pro­du­ziert wer­den, ihre Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te an an­de­re Un­ter­neh­men ver­äu­ßern. Das Ziel muss sein Met­dass alle Un­ter­neh­men an­ge­hal­ten wer­den, mög­lichst we­nig CO2 aus­zu­sto­ßen.

Werden die Bemühungen der Unternehmen um den Klimaschutz angesichts der Corona-Krise in den Hintergrund treten?

TACK: Die durch Co­ro­na ver­ur­sach­ten Ab­satz- und Um­satz­ein­brü­che wer­den er­heb­li­che Spu­ren in den Bi­lan­zen hin­ter­las­sen. Vie­le Un­ter­neh­men wer­den auf Kre­di­te der KfW an­ge­wie­sen sein, die zu­rück­be­zahlt wer­den müs­sen. Der fi­nan­zi­el­le Spiel­raum wird hier­durch ein­ge­schränkt, so­dass auch Gel­der für den Kli­ma­schutz nur be­grenzt zur Ver­fü­gung ste­hen wer­den. Hin­zu kommt, dass die Bun­des­re­gie­rung in der Ver­gan­gen­heit not­wen­di­ge Pro­jek­te im Rah­men der Kli­ma­po­li­tik nur zö­ger­lich ver­folgt hat, die nun als zu­sätz­li­che
Be­las­tung auf uns zu­kom­men wie der feh­len­de Netz­aus­bau, die man­gel­haf­te In­fra­struk­tur im Be­reich Di­gi­ta­li­sie­rung so­wie die völ­lig un­zu­rei­chen­de För­de­rung von For­schung für die Ent­wick­lung von CO2-frei­en En­er­gie­trä­gern wie zum Bei­spiel Was­ser­stoff. Wir ha­ben uns zu sehr dar­auf kon­zen­triert, be­stimm­te Tech­no­lo­gi­en zu för­dern, und die Ent­wick­lung al­ter­na­ti­ver En­er­gie­trä­ger völ­lig ver­nach­läs­sigt. Es be­steht al­ler­dings die Hoff­nung, dass in die­ser äu­ßerst an­ge­spann­ten fi­nan­zi­el­len Si­tua­ti­on die Bun­des­re­gie­rung – un­ter­stützt und
be­glei­tet durch den „Green Deal“ der EU-Kom­mis­si­on – stär­ker auf markt­wirt­schaft­li­che und kos­ten­ef­fi­zi­en­te In­stru­men­te zum Kli­ma­schutz setzt und die teu­ren und kli­en­tel­ge­steu­er­ten Pro­jek­te end­lich be­gräbt.
HETZER: Die Co­ro­na-Kri­se ist eine Zä­sur. Auch Kauf­an­rei­ze und Sub­ven­tio­nen wer­den uns nicht zu un­se­rer al­ten Nor­ma­li­tät ver­hel­fen. Trotz der wirt­schaft­li­chen Kri­se dür­fen wir jetzt nicht al­les über Bord wer­fen. Das Kli­ma­pro­blem hat sich durch die Co­vid-19-Pan­de­mie nicht ver­än­dert. Wenn erst gan­ze Land­stri­che über­flu­tet sind, kön­nen wir die Zeit nicht mehr zu­rück­dre­hen. Wir soll­ten statt­des­sen un­se­re Ge­schäfts­mo­del­le über­den­ken. Ist es sinn­voll, im­mer wei­ter nach Wachs­tum zu stre­ben? Wäre es nicht bes­ser, wer­ti­ge­re Pro­duk­te mit
ei­ner län­ge­ren Halt­bar­keit her­zu­stel­len und zu­sätz­lich ein Re­pa­ra­tur- und Er­satz­teil­ge­schäft auf­zu­bau­en, an­statt ste­tig nach Pro­duk­ti­ons­stei­ge­run­gen zu stre­ben? Wir brau­chen drin­gend neue Kon­zep­te. Die Chan­ce für Ver­än­de­run­gen ist jetzt da, ich hof­fe, wir nut­zen sie.

WIE WIRD EIN UN­TER­NEH­MEN KLI­MA­NEU­TRAL?

Im­mer mehr Un­ter­neh­mer wol­len ihre Kli­ma­bi­lanz ver­bes­sern. Aus Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein, aber auch, weil der „Car­bon Foot­print“ zu­neh­mend zum Wett­be­werbs­fak­tor wird. Da­her steigt seit ei­ni­gen Jah­ren die Zahl der Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mer, die sich dar­um be­mü­hen, für ihre Pro­duk­te, Dienst­leis­tun­gen oder das Ge­samt­un­ter­neh­men Kli­ma­neu­tra­li­tät zu er­rei­chen.

Aber wie funk­tio­niert das? Wie viel kli­ma­schäd­li­che Gase ein Un­ter­neh­men pro­du­ziert, wird mit­hil­fe ei­ner Kli­ma­bi­lanz er­mit­telt. Die meist­be­ach­te­te in­ter­na­tio­na­le Stan­dar­drei­he zur Bi­lan­zie­rung von Treib­haus­gas­emis­sio­nen ist das Green­hou­se Gas (GHG) Pro­to­col, das auf ei­ner ge­mein­schaft­li­chen In­itia­ti­ve des World Re­sour­ce In­sti­tu­te (WRI), des World Busi­ness Coun­cil for Sustainable De­ve­lop­ment (WBCSD) so­wie ver­schie­de­ner Um­welt­or­ga­ni­sa­tio­nen und In­dus­trie­un­ter­neh­men ba­siert und fort­lau­fend wei­ter­ent­wi­ckelt wird. Wei­te­re Stan­dards, wie ISO 14064, bau­en auf ihm auf.

Treibhausgase bilanzieren

Nach dem GHG Pro­to­col wer­den nicht nur CO2-Emis­sio­nen, son­dern auch alle im Rah­men des Kyo­to-Pro­to­kolls re­gu­lier­ten Treib­haus­ga­se (THG) wie bei­spiels­wei­se Me­than und Fluor­koh­len­was­ser­stof­fe er­fasst. Die Maß­ein­heit, in der THG ge­mes­sen wer­den, heißt CO2Äq (Koh­len­stoff­di­oxid-Äqui­va­len­te). Ver­ein­fa­chend wird i.d.R. von CO2 ge­spro­chen.

Der Un­ter­neh­mens­stan­dard des GHG Pro­to­cols un­ter­schei­det zwi­schen drei Emis­si­ons­ka­te­go­ri­en:

  • Scope 1 umfasst alle direkten THG-Emissionen aus der eigenen Geschäftstätigkeit des Unternehmens.
  • Scope 2 beziffert alle indirekten THG-Emissionen aus bezogenen Energien wie eingekauftem Strom, Dampf, Wärme und Kühlungsenergie.
  • Scope 3 betrachtet die indirekten THG-Emissionen, die aus vor- und nachgelagerten Unternehmenstätigkeiten resultieren, angefangen bei der Gewinnung von Rohstoffen über den Transport bis hin zur Entsorgung. Auch Emissionen, die aus Geschäftsreisen und Pendelverkehr der Unternehmensangehörigen entstanden sind, werden hinzugerechnet.

Bei der Ein­füh­rung des Stan­dards legt das Un­ter­neh­men zu­nächst die Bi­lan­zie­rungs­pe­ri­ode fest und de­fi­niert die Or­ga­ni­sa­ti­ons­gren­zen. Im Fall von ver­bun­de­nen Un­ter­neh­men er­folgt die Ab­gren­zung ent­we­der über Ei­gen­tums­an­tei­le (Equi­ty-Sha­re-Ap­proach) oder über die Kon­trol­le (Con­trol-Ap­proach). Im zwei­ten Schritt wer­den En­er­gie­ver­brauch, Ma­te­ri­al­ein­satz und pro­du­zier­te Men­ge er­fasst. Schwie­ri­ger ist die Er­mitt­lung und Er­fas­sung von THG-Emis­sio­nen, die in Scope 3 de­fi­niert sind. Auf­grund der glo­ba­len Ar­beits­tei­lung sind die Ver­bräu­che von vor­ge­la­ger­ten Pro­zes­sen in der Lie­fer­ket­te häu­fig in­trans­pa­rent. Ab­hil­fe soll hier die Ent­wick­lung von spe­zi­el­len Bran­chen­in­di­zes schaf­fen.

Vermeiden, reduzieren, kompensieren

Zur Re­du­zie­rung ih­rer kli­ma­schäd­li­chen Emis­sio­nen ver­su­chen die Un­ter­neh­men i.d.R. zu­nächst ein­mal, die En­er­gie­ver­bräu­che zu sen­ken und ihre En­er­gie­ef­fi­zi­enz zu stei­gern, bspw. durch die Um­stel­lung der ei­ge­nen Pro­duk­ti­ons- und Ar­beits­pro­zes­se, den Ein­satz von en­er­gie­spa­ren­den Ma­schi­nen, die Mo­der­ni­sie­rung von Ge­bäu­den oder die Ver­än­de­rung des ei­ge­nen Pro­dukt­port­fo­li­os.

Un­ver­meid­ba­re THG-Emis­sio­nen wer­den durch Kom­pen­sa­ti­ons­maß­nah­men an ei­nem an­de­ren Ort neu­tra­li­siert. Der Aus­gleich er­folgt durch den Kauf von CO2-Zer­ti­fi­ka­ten (Emis­si­ons­min­de­rungs­gut­schrif­ten), mit de­nen Kli­ma­schutz­pro­jek­te bspw. zur För­de­rung er­neu­er­ba­rer En­er­gi­en, zur Auf­fors­tung von Wäl­dern oder zur Ver­mei­dung von CO2-Emis­sio­nen (wie der Er­werb von So­lar­ko­chern) fi­nan­ziert wer­den. Vie­le die­ser Pro­jek­te kon­zen­trie­ren sich auf Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­der. Um­welt­or­ga­ni­sa­tio­nen kri­ti­sie­ren die­se Art der Kom­pen­sa­ti­on, da sie die kli­ma­schäd­li­che Pro­duk­ti­ons- und Le­bens­wei­se im Hei­mat­land des Ver­ur­sa­chers ze­men­tie­re. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ha­ben sich meh­re­re Stan­dards für frei­wil­li­ge CO2-Kom­pen­sa­tio­nen eta­bliert. Zu den be­kann­tes­ten zäh­len der Cle­an De­ve­lop­ment Me­cha­nism (CDM), der Ve­ri­fied Car­bon Stan­dard (VCS) und der Gold Stan­dard.

Beispiele für Familienunternehmen, die Klimaneutralität anstreben oder bereits erreicht haben:

Elo­bau (seit 2010), Vau­de (seit 2012 am Fir­men­sitz Tett­nang), Aldi Süd (seit 2017), Rho­di­us Mi­ne­ral­quel­len (seit 2020), Rit­ter Sport (ab 2022), Otto Group (bis 2030)

Nützliche Links:

www.kli­ma­re­porting.de
https://​de.my­cli­ma­te.org/
https://​gh­g­pro­to­col.org/
https://​www.gold­stan­dard.org/

Grafik zur Illustration der drei unterschiedlichen Emissionskategorien

DR. KARL TACK

Portrait-Foto des Beiratsmitgleids der Gebrüder Rhodius GmbH & Co.KG, Dr. Karl Tack

ist Bei­rat der Ge­brü­der Rho­di­us GmbH & Co. KG aus Burg­b­rohl in der Ei­fel (Rho­di­us Mi­ne­ral­quel­len und Rho­di­us Schleif­werk­zeu­ge). Er führ­te 28 Jah­re lang als ge­schäfts­füh­ren­der Ge­sell­schaf­ter das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men in sieb­ter Ge­ne­ra­ti­on. Vor zwei Jah­ren über­trug er die Ge­schäfts­füh­rung und sei­ne An­tei­le an sei­ne bei­den Kin­der Han­nes Tack und Frau­ke Helf. Das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men Ge­brü­der Rho­di­us er­wirt­schaf­te­te im ver­gan­ge­nen Jahr mit 650 Mit­ar­bei­tern ei­nen Um­satz von 140 Mio. Euro. Rho­di­us Mi­ne­ral­quel­len pro­du­ziert seit dem 1. Ja­nu­ar 2020 kli­ma­neu­tral und ist da­mit nach ei­ge­nen An­ga­ben Vor­rei­ter in der Ge­trän­ke­bran­che. Ne­ben der Um­stel­lung auf Ökostrom und der Um­set­zung von En­er­gie­ef­fi­zi­enz­maß­nah­men kom­pen­siert Rho­di­us Mi­ne­ral­quel­len sei­nen CO2-Aus­stoß durch die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung von zer­ti­fi­zier­ten Pro­jek­ten in Afri­ka. Dr. Karl Tack ist Mit­glied des Bun­des­prä­si­di­ums so­wie Vi­ze­prä­si­dent von Die Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mer und lei­tet seit 2011 die Kom­mis­si­on En­er­gie­po­li­tik.

MI­CHA­EL HET­ZER

Portrait-Foto des Sprechers der Geschäftsführung der Lobau GmbH & Co.KG und Vorsitzender des Beirats der Ensian Group, Michael Hetzer

ist Spre­cher der Ge­schäfts­füh­rung der Elo­bau GmbH & Co. KG und Vor­sit­zen­der des Bei­rats der En­si­an Group. Das Un­ter­neh­men mit dem Haupt­sitz in Leut­kirch im All­gäu ent­wi­ckelt und pro­du­ziert Sen­so­ren und Be­dien­ele­men­te für Nutz­fahr­zeu­ge, Ma­schi­nen­si­cher­heit und Füll­stands­mes­sung. Elo­bau er­wirt­schaf­te­te im Jahr 2019 115 Mio. Euro Um­satz und be­schäf­tigt 950 Mit­ar­bei­ter. 2016 über­führ­te Mi­cha­el Het­zer sei­ne ge­sam­ten Un­ter­neh­mens­an­tei­le in eine Stif­tung. Elo­bau be­zieht sei­ne En­er­gie­ver­sor­gung aus Bio­gas, Erd­wär­me, Grün­strom und aus ei­ge­nen PV-An­la­gen. Der CO2-Aus­stoß wird über den Er­werb von Zer­ti­fi­ka­ten zur Wald­auf­fors­tung kom­pen­siert. Seit 2010 weist das Un­ter­neh­men eine aus­ge­gli­che­ne CO2-Bi­lanz aus. 2014 er­hielt Elo­bau den Um­welt­preis „En­er­gie­ex­zel­lenz“ des Lan­des Ba­den-Würt­tem­berg

* Die In­ter­views wur­den ge­trennt von­ein­an­der ge­führt.

Der Text ist im INTES – Un­ter­neh­mer­Brief Aus­ga­be 01/​2020 erschienen.

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